Fake Geek Girls (Teil 1) betreiben Cosplay

Kennt ihr das, wenn ihr einen Artikel, verlinkt von BILDblog lest, am Ende dann Empfehlungen zu anderen Artikeln bekommt und schließlich landet bei: Nerds: Stop Hating Women, Please und On the "Fake" Geek Girl (außerdem noch weitere Artikel dieser Art, die nicht unbedingt viel neues bringen). Jop, so sieht mein üblicher Start in den Tag aus.

Für Leute, die nicht gerne die Werke anderer Lesen wollen, weil ich der einzige Gott für sie bin: Es geht vor allem darum, dass es einige gibt, die was gegen Frauen haben, die von sich behaupten diese und jene Comics zu lesen oder Zeichentrickserien zu schauen oder sowas. Am schlimmsten seien diese Frauen ja, wenn sie sich auch noch wie fiktive Frauen kostümieren. - Warum sind diese Frauen das schlimmste, was man "uns" Nerds antun kann? Weil sie das alles nur für Aufmerksamkeit von hilflosen Nerd-Kerlen tun würden, nicht weil sie sich für Comics oder spezielle Filme interessieren.

Ich werde sicher nichts Neues dazu beitragen (zu den Artikeln, die ein Jahr alt sind), aber ich möchte auch gerne meinen Senf abgeben. Darum werde ich heute über ach so böses Cosplay und die Aufmerksamkeit schreiben, die man durch Cosplay erhascht. Morgen darüber, wie ich das mit den "Fake Geeks" sehe (weiblich und männlich).

Cosplay ist Kostümieren. Leute kleiden sich in der Regel wie fiktive Charaktere und haben Spaß dran. Ich hätte keinen Spaß dran, ich ziehe mich gerne an wie Tobi (ich bin Tobi).

Aber ich gucke mir auf deviantART gerne mal an, mit welchem Aufwand Cosplayer an ihr Hobby gehen. Das sind nicht nur Leute, die sich weiß schminken, mit dem Lippenstift übertreiben und sich Joker schimpfen. Das sind Männer und Frauen, die sich den Arsch abzunähen scheinen und Materialien kaufen, deren Namen ich nichtmal kenne, um Comics, Videospiele, Zeichentrickserien und was sonst noch möglichst echt werden zu lassen. Dafür bewundere ich Cosplayer. Und das macht man sicher nicht, weil man dem Nerd da vorne schöne Träume bescheren möchte.

Aber besonders interessant finde ich, wie Cosplay so manche Kostümdesign-Lächerlichkeiten aufzeigt. Das fällt mir besonders bei Anime/Manga-Cosplay auf (nicht ausschließlich, möchte ich nochmal betonen). Wenn besonders Frauen mit möglichst unsichtbaren Klebestreifen oder Schnüren arbeiten müssen, damit das Kostüm nicht auseinander fällt. Oder wenn Cosplayerinnen neben Cosplayer posieren und die Cosplayerin, wenn man die Augen halbschließt und alles verschwimmen lässt, ein hautfarbener Fleck wird, während der Cosplayer ein Mischmasch aus den Farben seines Kostüms ist (das ist meine poetische Art zu schreiben, dass Frauen wahnsinnig viel Haut zeigen müssen, um sich wie fiktive Frauen zu kleiden).

So hat Cosplay keine kleine Rolle in meinen Kostüm-Redesigns von Luft und Feuer gespielt. Natürlich, besonders jetzt sehen Luft und Feuer ziemlich außerirdisch aus. Luft und Feuer Cosplayer würden auf dem Berliner Ku'damm eine recht seltsame Figur abgeben, umgeben von all den "normal" gekleideten Leuten. Aber diese Kostüme sind realistisch, sie sind machbar. Sie sind immer noch mit viel Nähen und Abmessen und schließlich reinquetschen verbunden, aber man muss nicht kostümfremde Hilfsmittel (Schnüre/Klebestreifen) nutzen, damit man wie Luft und Feuer aussehen kann. Und wenn man Cosplayerin und Cosplayer von Luft und Feuer nebeneinander stellt, gibt es keine Unterschiede im Haut/Stoff-Verhältnis.

Wenn Frauen sich wie ihre Lieblingscharaktere verkleiden möchten, müssen sie sich ziemlich wahrscheinlich "sexy" und aufreizend anziehen. Sie müssen (nicht immer, ich weiß) einen knappen Bikini tragen oder einen tiefen Ausschnitt haben. Sie müssen sich (nicht immer, ich weiß) in einen kurzen, engen Rock zwängen oder gar auf alles andere als Unterwäsche verzichten - manchmal auch darauf. Und selbst wenn sie einen Haut verhüllenden Anzug tragen dürfen, müssen sie (nicht immer, ich weiß) immer noch ihre Körpermaße entblößen.

Das gilt für die Superheldinnen aus den USA wie auch für z.B. Sailor Moon aus Japan. Das sind die Frauen in den Comics, die wir lesen, oder in den Zeichentrickserien, die wir schauen (ich gestehe, nie eine ganze Sailor Moon Episode durchgehalten zu haben). Das sind die Kostüme, die wir fiktive Frauen tragen lassen und mit denen wir einverstanden scheinen. Wir können nicht plötzlich dagegen sein, wenn reale Frauen darin so sexy aussehen, wie wir eigentlich nur gerne gezeichnete, unlebendige Figuren haben wollen.

Wie gesagt, da steckt so großer Aufwand in den Kostümen, das können Cosplayerinnen unmöglich mit dem Ziel machen, das andere Geschlecht zu verführen. Das geht einfacher und preiswerter.

Aber ich streite nicht ab, dass sie auch Aufmerksamkeit haben wollen. Ich rede von derselben Aufmerksamkeit, die ich möchte, wenn ich Bilder auf deviantART lade. Dieselbe Aufmerksamkeit, die ich mit diesem Blogeintrag zu kriegen versuche.

Hallo Leute, ich bin auf der Welt, seht ihr? Und ich habe was beizutragen! Toll, oder? Was haltet ihr davon?

Und doch habe ich diesen Blogeintrag nicht nur für die Aufmerksamkeit verfasst...

Das Argument der Oberflächlichkeit bleibt natürlich trotz allem zu einem gewissen Grad. Man kann sich durchaus wie eine Figur anziehen, von der man eigentlich kaum Ahnung hat.

Dazu aber: Jeder Tag, den ich nicht zeichne, ist ein vergeudeter Tag; und einmal wusste ich nicht, was ich zeichnen sollte, also habe ich mich nach League of Legends Charakteren erkundigt. Ich spiele LoL nicht, aber ich weiß, dass es drollige bunte Figuren hat. Ich habe also irgendwann eine visuell ansprechende gefunden und mich weiter über sie erkundigt, denn man zeichnet nicht basierend auf einem einzigen Bild. Weiß ich nun, wie sich Nidalee spielt? Nein, weiß ich nicht. Aber ich weiß, wie sie aussieht, aus welchem Material ihre Schuhe und ihre Kette sind. Ich weiß, wie sie steht, geht, angreift. Ich kenne gar einen Teil ihrer Hintergrundgeschichte.

Ich kann mich zwar nicht mit LoL-Spielern über das Gameplay unterhalten, aber über das eine oder andere Visuelle. Und vielleicht kann man nicht mit jedem Superman-Cosplayer über die Umstände von Supermans Tod reden, aber dafür über Designentscheidungen. Darüber, ob das New 52 Kostüm attraktiver als das originale ist. Was zur Hölle man sich beim New 52 Action Comics "Kostüm" gedacht hat und wieso man sich doch lieber komplett in rot und blau kleidet (weil es cooler aussieht). Und weil zumindest Comics und Zeichentricks ziemlich visuell-lastige Dinge sind: Kann man dann wirklich einem Cosplayer unterstellen, er hätte überhaupt keine Ahnung von der Comic-/Zeichentrick-Figur, die er darstellt?

In Cosplay steht "play". Probiert mal, Mary Jane zu spielen ohne mehr über sie als ihre Haarfarbe zu wissen.

Abschließend:

Dieser Blogeintrag behandelt vor allem Cosplayerinnen. Wieso?

Ich sage nicht, dass Kostüme für Männer immer gesellschaftstauglich sind dass sie sich kaum vom T-Shirt unterscheiden, das du und ich tragen. Aber sie sind es doch deutlich öfter als die der Frauen. Man schaue sich z.B. die Transformierungen der Designs von den Batman Comics zu den Batman Arkham Videospielen an, in denen die ohnehin schon leichtbekleidete Poison Ivy schließlich nur noch die Geschlechtsmerkmale verdeckt, aber ein in den Comics engbekleideter Robin im Spiel eine weitere Hose kriegt.

Ab davon ist es eben, dass man nur Frauen vorzuwerfen scheint, oberflächliche "Geeks" zu sein und sich der Aufmerksamkeit wegen zu kostümieren. Frauen seien es, die nach einer Convention nach hause gehen und schon wieder vergessen haben, wie überhaupt der Charakter heißt, den sie gerade noch porträtiert haben. Vielleicht tragen Galerien, die ausschließlich Cosplayerinnen-Fotos von Veranstaltungen beinhalten, zu diesem Missverständnis bei. (Wir geben Cosplayerinnen so viel Aufmerksamkeit dafür, dass sie attraktiv sind, dass wir glauben, sie machen es, nur weil wir sie attraktiv finden) Mühsam angefertigte Kostüme sind meistens cool anzusehen und bewundernswert, ob von einem Mann oder einer Frau getragen.

Besonders cool und bewundernswert ist übrigens Luft und Feuer Cosplay. Ich kann euch Cosplayern da draußen nur empfehlen, das mal zu probieren!

Morgen: Fake Geek Girls (Teil 2) UND Guys

Es sei denn natürlich ich lege wieder eine dreiwöchige Pause mit dem Bloggen ein.